Man kann schon sagen, dass der Markt in den letzten Monaten großen Respekt vor dem beginnenden Tapering, sprich dem Reduzieren des Anleihekaufvolumens der FED, hatte. Die hohe, man kann sagen nie dagewesen hohe Liquidität im Finanzsystem ist der Nährboden für die unvergleichliche Rekordjagd, die aktuell vor allem an der Wallstreet zu beobachten ist. Entzieht man dem System jedoch die so wichtige Liquidität zu abrupt, kann dies umgekehrte Folgen und turbulente Zeiten für die Aktienmärkte bedeuten. Insofern hat der Markt in den letzten Monaten wie gebannt auf den Moment gewartet, in dem die FED konkrete Pläne bezüglich einer Straffung ihrer Geldpolitik bekannt gibt.

Dieser Moment kam am vergangenen Mittwochabend um 19.00 Uhr MEZ, als das Statement und die Zinsentscheidung der FED veröffentlicht wurde. Schon in diesem Monat beginnt die FED also damit, ihr Anleihekaufvolumen um 15 Milliarden US-Dollar monatlich zu reduzieren. Dass die FED voraussichtlich in Q4 eine solche Mitteilung machen würde, war längst eingepreist. Doch warum schießt der Markt seit dem so nach oben? Der Nasdaq100 und der DowJones30 haben seit dem FED-Meeting in der Spitze 3,0 bzw. 1,6 Prozent zugelegt. Nun, an der Börse – das muss man sich als Trader immer vor Augen führen – werden Erwartungen gehandelt. Die zukünftige Entwicklungen werden vorweg genommen. Das, was man heute in den Zeitungen der Welt lesen kann, ist für den Markt längst kalter Kaffee. Doch der Blick in die Zukunft und sich ändernde Erwartungen – das sind die Treiber für Bewegung (und oftmals auch Korrekturen) an den Börsen.

Konkret auf das FED-Meeting bezogen heißt das folgendes: Offensichtlich hatte der Markt andere Erwartungen und ist vom FED-Statement in positiver Weise überrascht worden. Wenn man die vorherigen Erwartungen des Marktes kennt, lässt sich bereits Sekunden nach Veröffentlichung des FED-Statements sagen, wie der Markt wohl reagieren wird. Erwartet wurde eine Reduzierung des Anleihekaufvolumens von mindestens 20 Milliarden US-Dollar pro Monat. Außerdem rechnete der Markt mit Zinsanhebungen schon in 2022. Doch die FED geht hier vorsichtiger vor. Die Reduzierung des Kaufvolumens fällt niedriger aus, als erwartet, insofern wird dem Markt weniger – Achtung, Zauberwort – Liquidität entzogen, als gedacht. Zudem hat FED-Chef Powell nochmals bekräftigt, dass die FED all die inflationstreibenden Faktoren weiterhin als nur von vorübergehender Natur betrachtet. Das beginnende Tapering sei kein Indikator für baldige Zinsanhebungen, sagte er. All das sind Gründe für den Markt zur Freude, denn die „Cheap-Money“-Party wird noch länger gehen, als bisher gedacht.

Die neue Woche beginnt gleich wieder mit der FED, denn am Montag sowie am Dienstag wird FED-Chef Powell sprechen. Jedoch sind hier keine großen Überraschungen zu erwarten, dann wenige Tage nach dem FED-Meeting gibt es wohl kaum Neues, das die FED berichten könnte. Am Mittwoch stehen dann die US-Inflationsdaten an, der wohl wichtigste Termin der Woche.

 

Veröffentlicht am 08.11.2021