Es war der wichtigste Termin der vergangenen Woche: die Sitzung der EZB-Notenbanker und die darauffolgende Pressekonferenz. Zuletzt hatte es vermehrt Gerüchte darüber gegeben, die EZB könnte aufgrund der steigenden Inflationsrate analog zur US-Notenbank FED schon bald über ein Zurückfahren der Anleihekäufe diskutieren. Doch was EZB-Chefin Lagarde im Rahmen der Pressekonferenz erklärte, ist noch meilenweit von ernsthaftem Tapering entfernt. Was die EZB beschlossen hat, ist lediglich eine moderate Volumenreduzierung des für die Pandemie aufgelegten PEPP (Pandemie Notfall Kaufprogramm). Lagarde betonte, die geringe Anpassung sei nicht als Tapering zu verstehen, sondern lediglich eine Feinjustierung. Schätzungen der ING Bank zufolge wird es für die nächsten Jahre von Seiten der EZB weder ernsthaftes Tapering geben, noch Zinsanhebungen.

Warum? Nun, dazu muss man sich zunächst die Frage stellen, warum die Zinsen überhaupt bei null sind und welchen Sinn der Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen hat. Die EZB hat diese Maßnahmen im Rahmen der Finanzkrise 2008/2009 ergriffen, um krisengebeutelte EU-Staaten und Unternehmen durch eine Erleichterung der Finanzierungssituation zu unterstützen. Ein Leitzins bei null sorgt dafür, dass kurzlaufende Kredite quasi zum Nulltarif von Banken an Unternehmen und Staaten weitergegeben werden können. Merke: Der Leitzins spielt also nur für die kurzfristigen Zinsen eine Rolle. Doch was ist mit den mittel- und langfristigen Zinsen, die für große Staats- und Unternehmensfinanzierungen viel wichtiger sind? Hier kommt der Kauf von Anleihen durch eine Notenbank ins Spiel. Kauf eine Notenbank zum Beispiel mittel- und langfristige Staats- und Unternehmensanleihen, so sorgt die künstliche Nachfrage für sinkende Zinsen. In direkter Folge sinken die Finanzierungskosten auf Seiten von Staaten und Unternehmen, weil sie weniger Zinsen bezahlen müssen. Merke: Die Anleihenkäufe wirken sich also vor allem auf mittel- und langfristige Zinsen aus. Die nächste Überlegung geht in Richtung der bedeutenden EU-Staaten wie vor allem Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien. Bis auf Deutschland sind all diese Staaten nahe oder über 100 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung verschuldet. Steigen nun die Zinsen spürbar an, geraten Staaten wie Italien, Spanien, Frankreich und viele weitere in ernsthafte Finanzierungsprobleme. Sollte einer dieser Staaten kippen, ist er – anders als Griechenland – aufgrund seiner Größe und seiner Verschuldung nicht zu retten. Auch Deutschland hat dann ein Problem, weil es im großen Stil Garantien für die Schulden seiner Nachbarländer übernommen hat. Deutschland haftet also für die Schulden anderer mit. Ohne tiefer in das Thema einzusteigen können wir festhalten, dass die EZB mit dem Rücken zur Wand steht. Die einzige Hoffnung ist, dass die Inflation in den nächsten Quartalen zurückgeht und sich nicht weiter hochschaukelt, doch bei dieser Frage sind viele Experten skeptisch. Wir sind überzeugt, dass die EZB ihren Krisenmodus nicht wirklich beenden kann, ohne eine europaweite Schuldenkrise zu riskieren. Insofern halten wir es für äußerst wahrscheinlich, dass die EZB tatenlos wird zusehen müssen. Es ist abzusehen, dass in den kommenden Jahren Währungen wie der US-Dollar, der Kanadische Dollar, das Britische Pfund oder auch die Norwegische Krone durch Zinsanhebungen und wirtschaftliche Fortentwicklung aufwerten werden. Währenddessen wird der Euro auf der Stelle treten und vor allem gegenüber diesen Währungen stärker unter Druck geraten. Dabei wird die EZB nicht viel tun können, außer Hoffen und Bangen, dass die Inflation nicht ausufert.

 

Veröffentlicht am 13.09.2021